Branchen-NoGo: Hilfe vom Wettbewerber

Ein Erfahrungsbericht
Jan Schäfer

Trotz fundierter beruflicher Ausbildung, Weiterbildung und Erfahrungen kommen manche Menschen hin und wieder an einen Punkt, an dem es nicht weiterzugehen scheint. Manchen fällt es in einer solchen Situation schwer, Lösungen für sich zu finden oder ganz neue Ideen zu entwickeln. Man dreht sich im Kreis oder steht gar vor einem großen Loch. Dann werden oft Coaches zur Persönlichkeitsentwicklung oder Fortbildungsseminare gebucht.

Vor einigen Jahren stand ich vor so einer Herausforderung. Obwohl ich eine Ausbildung als Marktforscher und Strategischer Planer (Account Planner) habe, kam ich in der eigenen Entwicklung nicht voran. Ich trat auf der Stelle. Mein Wissen um Analysen, Bewertungen und sonstige Methoden halfen mir nicht, einen neuen Weg zu finden. Natürlich kannte ich Verfahren wie „Train the Trainer“, nur was sollte ich damit? Schließlich war ich selber als Trainer für andere Ausbilder tätig. Wer sollte mir etwas Neues beibringen, das schließlich dazu führen könnte, aus dieser Phase herauszukommen?

Es war meine Frau, der diese Krise nicht verborgen blieb, die mir den Tipp gab, mich an einen professionellen Berufsberater zu wenden. Tatsächlich fühlte ich mich in meinem Job ausgebrannt, ideenlos und stellte ihn infrage. Die Suche nach dem passenden Coach war recht mühsam. Manchmal stimmte die Chemie nicht oder ich hatte reichlich Vorbehalte. Schließlich fand ich aber eine Berufsberaterin, bei der alles stimmte: Wir starteten eine Zusammenarbeit. Grundlage der Arbeit waren diverse Analyseverfahren, die zum Teil auch mir bekannt waren. Es macht aber einen Unterschied, ob man sich selber hinterfragt oder dabei begleitet wird.

Das klingt theoretisch wenig spektakulär. Doch das „Aha-Erlebnis“ entsteht durch Selbsterfahrung. Beispielsweise, dass die eigene Einschätzung weit neben dem liegt, was man tatsächlich ist. Das war auch einer der Knackpunkte bei meinem eigenen Stillstand. Instinktiv spürte ich schon seit einiger Zeit einen gewissen inneren Widerstand bei bestimmten Tätigkeiten. Es klingt paradox, doch ich übte meine Arbeit zu routiniert aus. Und doch war mein innerer Widerstand Auslöser meiner Vollblockade. Zu meinen Aufgaben gehörten Dinge, die überhaupt nicht meinen Neigungen und Fähigkeiten entsprachen. Ich beherrschte sie, aber setzte die Aufgaben ohne jede Leidenschaft um. Hingegen ließ ich andere Talente einfach ungenutzt. Fazit: Um wieder in den Fluß zu kommen und die „PS – die ruhenden Fähigkeiten – auf die Straße“ zu bringen, war die Selbstständigkeit die nächste Lösung. In Agenturen würde ich ständig im engen Korsett der jeweiligen Stellenbeschreibung oder dem Kompetenzgerangel mit anderen Disziplinen stecken bleiben.

Beim Aufbau der Selbstständigkeit griff ich auf mein Knowhow zurück. Es kam aber der Punkt, an dem die Außendarstellung wie Logo, Geschäftsausstattung, Homepage etc. kreiert werden musste. Wieder fing ich an, mich im Kreis zu drehen. Nichts war gut genug, wirkte stimmig und kostete trotz meiner Möglichkeiten und meines Wissens viel zu viel Zeit. Ich ging zu einer Werbeagentur – also dahin, wo ich her kam. Als ich schilderte, wer ich bin und was ich haben möchte, fragte mich der Geschäftsführer prompt, warum ich ausgerechnet einen de facto-Konkurrenten damit beauftrage?

Diese zwei Ereignisse zeigen, warum sich viele Unternehmen – ob groß oder klein – in Identitäts-, Sinn- oder Ideenkrisen so schwer tun. Vielfach herrscht noch die Meinung vor, einen Wettbewerber um Hilfe oder Rat zu bitten, sei ein NoGo. Warum das so ist? Die Gründe sind vielfältig: Die Angst, Schwäche oder Kompetenzverlust zu zeigen, dass ein unnötiger oder ungewünschter Wissenstransfer stattfindet oder es fehlt der nötige Druck mit dem entsprechenden Mut. Lieber dreht man sich weiter im Kreis und beauftragt Personen, die nur bedingt weiterhelfen können. Nicht immer ist der erste auch der Beste. Manchmal muss man suchen.

Wen hätte ich denn sonst mit der Findung und Umsetzung eines CI beauftragen sollen als Experten ihres Fachs, also eine Werbeagentur? Beide, sowohl die Berufsberaterin als auch die von mir beauftragte Werbeagentur hatten trotz vieler Gemeinsamkeiten unserer Berufe einen unschätzbaren Vorteil: Sie waren an meiner Problemstellung emotional nicht beteiligt. Es stellte sich rasch heraus, dass die Agentur und ich unterschiedliche Kunden ansprechen und so gesehen nicht im direkten Wettbewerb standen. Die Zusammenarbeit gestaltete sich sehr positiv, zielorientiert und verlief aufgrund des fachlichen Verständnisses und auch durch das Ergänzen des individuellen Knowhows rasch und angenehm.

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