Vernichtet die Digitalisierung das Individuum?

Einerseits wird mit Macht die Digitalisierung vorangetrieben. Anderseits befeuert die kontinuierliche Weiterentwicklung von digitalen Technologien diese selber. Der Sinn, warum vieles – gerade durch Routine Geprägtes – digitalisiert werden soll, erschließt sich etlichen Menschen nicht. Im Wesentlichen geht es um Ressourceneffizienz, Schnelligkeit und Vereinfachung – mit dem Ziel, Kosten zu sparen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Hinzu kommt, bedingt durch den demografischen Wandel, die Verknappung von Personal. Der Mensch scheint zunehmend überflüssig.

Die Vereinfachung von Komplexem ermöglicht einen hohen Grad an Individualisierung wie personalisierte Anschreiben, der eigene Style von Skistiefeln oder Prothesen, die individuell konzipiert werden können. Digitalisierung bedeutet aber auch Vergleichbarkeit. Damit Komplexes einfach wird, muss der „kleinste gemeinsame Nenner“ aus einer unvorstellbar großen Summe von Daten gefunden werden. Es findet eine gewisse „Gleichschaltung“ von Eigenheiten statt. Dinge werden auf Null und Eins reduziert – der Grundlage aller digitalen Berechnungen. Bei so manchem kommt dabei trotz aller Vorteile wie Smartphones, Fahrassistenten oder „Alexa“ ein ungutes Gefühl auf. Es ist ein oft unbewusstes Gemisch aus dem Eindruck, von außen kontrolliert zu werden und dem Verlust der Individualität.

Nicht nur durch Technologie schreitet die Vereinfachung voran. Seit Jahren ist das schon zu spüren, so auch auf dem Arbeitsmarkt. Online-Bewerbungen sind einfach und relativ bequem. Sie ersparen die aufwendige Gestaltung von Bewerbungsunterlagen. Leider sind die Vorgaben der Online-Formulare oft so gestaltet, dass bei einigen Fragestellungen keine individuellen Ergänzungen möglich sind. Zwar kann man eigene Kommentare in vorgesehenen Feldern einfügen.
Doch gibt eine derart formatierte Bewerbung tatsächlich das wieder, was das „Ich“ ausmacht?

Regelmäßig werden in Fachmagazinen, Webinaren und in Foren „goldene Regeln“ oder die „10 besten Tipps“ für Bewerbungen präsentiert. Die Folge ist: die Stellengesuche gleichen sich mehrheitlich. Wer sich nicht an die allgemeinen Spielregeln hält, fällt durchs Raster. Seit etlichen Jahren legen Unternehmen großen Wert auf Fortbildung. Um den Qualitätsstandard einzuhalten, wird der Besuch von Seminaren bei Instituten von Ruf begrüßt. Überspitzt gesagt, wir lernen also alle das gleiche und denken im Sinne der Philosophien der jeweiligen Fortbildungsunternehmen sehr ähnlich. Sicherlich wird hoher Standard vermittelt , was im Lebenslauf dann einen guten Eindruck macht. Schließlich ist ein Seminar bei der Boston Consulting Group & Co. ein gewichtiges Argument. Auch Workshops zur Persönlichkeitsentwicklung oder Rhetoriklehrgänge stehen hoch im Kurs. Hinlänglich ist bekannt: Dunkle Kleidung, um dezent zu wirken, helle zum Auffallen, beim Argumentieren leicht breite Fußstellung und wer fragt, der führt. Wir werden alle zunehmend uniformer und digitalisieren uns selber. Und die viel beschworene Individualität? Das möge jeder für sich beantworten.

Es drängt sich aber die Frage auf, woher neue Ideen kommen und wie Innovationen entstehen sollen, wenn wir immer stärker im Raster von Null und Eins denken? Die Sehnsucht nach der unverkennbaren Einzigartigkeit wächst. Plakatives Beispiel dafür ist u.a. die neuste Werbung für die „Audi black edition“: zeige Kante, sei anders, brich aus dem Gewohnten aus. Ironischerweise sind die meisten Fahrer dieser Marke tiefenpsychologisch gesehen eher das Gegenteil. Neue Impulse und evolutionäre Entwicklungen jedoch haben Individualisten und Querdenker immer schon motiviert. Ist es dann nicht sinnvoller, Eigenheiten zuzulassen und Charaktere zu fördern?

Die meisten erfolgreichen die Geschichte prägenden Menschen, waren die, die ihr Hobby professionalisierten, Quereinsteiger waren, jenseits des Mainstreams dachten. Es waren individuelle Persönlichkeiten, die mit Leidenschaft ihr Ziel verfolgten. Die Digitalisierung ist weder unumkehrbar, noch ist sie aufzuhalten. Doch wir sollten daneben darauf achten, dem Individuum Raum zu geben und es nicht gleichzuschalten. Die Digitalisierung mag einiges vereinfachen, aber sie vermag nicht, den Menschen in seiner Einzigartigkeit ersetzen – mit all seinen Nach- und Vorteilen.

Photy by: Igor Goryachev